Haltet inne ihr Heiligen! Freunde, Verwandte und alle die es noch werden wollen: das Warten hat ein Ende. Die sächsische Botschaft in Spanien hat ihre Druckerpresse wieder angeworfen, die besten Journalisten aus Valladolid eingestellt und sie raus in die raue Welt geschickt um euch die Sensationen zu liefern, nach denen ihr nun schon in unruhigen Kommentare gefordert habt.
Was ist nun die lang ersehnte Schlagzeile des Tages? Ich sags euch: es ist Ostern. Für den Durchschnittsdeutschen mag das nicht sonderlich aufregend klingen solange er kein Herzflattern bekommt wenn er karierte Tchibo-Boxershorts im Garten suchen darf oder umgeformten Schokoweihnachtsmänner als Hasen wieder verkauft bekommt. Wer seine Augen aber ein bisschen weiter öffnet (etwa so weit dass die Sicht bis Spanien reicht), der wird feststellen, dass dieses christliche Fest im katholischen Spanien eine etwas größere Bedeutung hat als bei uns.
Das merkt man zum einen daran, dass Ostern hier nicht Ostern heißt sondern Semana Santa (dt: heilige Woche), und es keinen Versteck’- und-ich-such-dich-Kult gibt. Was hier zur Semana Santa auf der Tagesordnung steht, bekamen wir erstmals letzten Sonntag früh um 10 schmerzlich zu spüren. Nach einem Dauerläuten der Kathedralsglocken (etwa 20min), die sich in unmittelbarer Nachbarschaft befinden, hatten wir es aufgegeben wieder in das Reich der Träume zurückzukehren. Leicht wütend fiel uns ein, dass ja Palmsonntag ist. An diesem Tag wird der Einzug Jesus nach Jerusalem gefeiert. Die Palmen dienten dabei als behilfliches Winkelement zur Begrüßung dessen. In Spanien, und ganz besonders hier in Castilla y Leon, befeiert man diesen Tag mir einer Prozession durch die Innenstadt.
Diese Prozession ist eine Art Umzug bei dem jede Bruderschaft der Stadt einen Teil des Zuges bildet. Und Valladolid hat viele Bruderschaften. Sehr viele. Unglaublich viele. Zu unterscheiden sind die verschiedenen Kirchen an ihren Wappen und ihrer Kleidung. Lange Roben verschiedener Farben und Schnitte zieren hier alles was zwischen 3 und 99 Jahre alt ist. Musikalisch untermalt wird das Ganze durch die hauseigene Kapelle, bestehend aus Rhythmusgruppe und Blechbläsern. Die Prozession am Palmsonntag startet an der Kathedrale wo sich alle Teile des großen Umzugs um 12 Mittags treffen um dann den weg durch die Stadt zu bestreiten. Ich muss ja nicht dazu sagen, dass solch ein Spektakel nicht nur kirchenintern gefeiert wird sondern dass da natürlich die ganze Bevölkerung der Stadt auf den Straßen und vor allem auf dem Plaza Mayor (bestückt mit Tribünen) unterwegs ist. Als dann etwa 10 vor 12 Uhr direkt vor unserem Wohnzimmerfenster kräftig auf die Pauke gehauen wurde blieb uns nichts anderes übrig als den Schlafanzug abzustreifen, unauffällige Tageskleidung überzuziehen und alles was an mobiler Technik verfügbar war klar zu machen.
Wir mischten uns also unauffällig unter die Massen um das Fest zu erleben und festzuhalten. Am schönsten zu beobachten waren eigentlich die vielen Kinder, die einen großen Teil des Umzugs ausmachten. Wie sie vor sich hinträumen, mit dem Palmenende im Gulli stecken blieben, ein Palmen-Maschinengewehr imitierten oder einfach nur alle nacheinander wie Dominosteine aneinander stießen, wenn der erste stehen blieb da die dahinter mit Gedanken und Augen im Publikum ihre stolze Oma suchten. Doch wie sagte einst Joachim Menders: all die leeren Worte sind nur halb so voll wenn sie nicht mit Bildern verziert und zum Leben erweckt werden. Deswegen lehnt euch zurück, holt ne Tüte Puffmais, schaltet Handys und Herzschrittmacher aus und genießt das neue Werk der Geschwister Gonzales aus dem fernen Valladolid.
FILM AB!