Friday, 20. june 2008 5 20 /06 /Juni /2008 12:51


Es gab Zeiten in denen wohlhabende Männer im fernen und verwüsteten Westen ihre rare Freizeit nutzten um auszureiten, die Erde zu riechen, Seite an Seite mit den Oberhäuptern anderer Familien, die Hemden rot-schwarz kariert und zwischen den Lippen eine leicht klimmende Marlboro. Das waren die Zeiten, als Sonnenauf- und Untergang den Tag bestimmten und man nicht von Autostaus sondern höchstens von den Weg kreuzenden Rinderherden aufgehalten wurde.

Auch uns begeistert ab und an die Vorstellung eines zeitlosen Dahinlebens, Hand in Hand mit der Natur und ihrer Schönheit, nur ausgerüstet mit den Nötigsten um die nächsten 24h zu überleben. Doch wo kann man diesen romantischen Traum noch Wirklichkeit werden lassen? Ja, es gibt da ein Land, fern ab von unseren Breiten auf der anderen Hälfte des Äquaors in dem man dieses Gefühl einer irrealen Wirklichkeit noch erleben kann. Und so einige verträumte Gedanken an dieses Leben kamen uns beim Anblick verregneter Innenhöfe in den letzten Monaten nicht selten. Nun ist man bis in die australische Gelassenheit nicht mehr monatelang mit dem Schiff unterwegs wie einst James Cook, sondern schafft den ganzen Trip in ca. 24h, doch stellt der monetäre Faktor ein nicht unerhebliches Hindernis für einen spontanen Besuch dar. Wir beließen es also beim Schwelgen in Erinnerungen und hofften auf bessere Zeiten. Nebenbei schrieben wir Klausuren, ohne dafür zu lernen, und buchten Bus, Flug und Auto für unsere bescheidene 12-tägige Portugalreise. Vor uns schwebte der 7. Juni, Tag unserer Abreise, wie ein kleiner Stern der uns den Weg in eine kleine Auszeit leiten sollte.

Als wir am Freitag den 6. Juni  unserer geistigen Entspannung ganz nah waren und in Vorfreude getaucht nichts weiter machen wollten als Badesachen und Sonnenhut in die Taschen zu packen, kündigte sich für die nächsten Stunden bis zur Abreise ein kleiner Stressmarathon an. Begonnen wurde er früh um 9 mit den letzten Lernversuchen für die um 12 stattfindende Klausur. Gefolgt wurde der Spaß von unserem Spanischexamen 15.45 Uhr mit angehängter mündlicher Prüfung und letzten Einkäufen für den Urlaub. Zwischen 19 und 21 Uhr hieß es dann tatsächlich Sachen packen bis wir zum good-bye Dinner mit unserer Sprachschule gegangen sind, welches nett, reichlich und teuer war.

 

Gegen 0 Uhr hatten wir die Ehre die immer lächelnde Burcu aus der Türkei auf ihrer Abschiedsfeier zu verabschieden bevor wir dann so ca. 0.45 zur nächsten Runde stießen um Hannah und Corinne aus England mit den besten Wünschen ins Weite zu schicken.

 

 

Nach einigen Schnäpsen und reichlich Wiedersehens-Wünschen setzten wir uns mit unseren zwei Mitbewohnern noch bis halb 4 in die Kneipe an der Ecke um sie auf die kommenden und wohl sehr einsamen Tage vorzubereiten. Als wir letztendlich 4.30 in die Wogen des Schlafes geleitet wurden und 1.5h später von dem gehassten Wecker wieder auf die Beine geholt wurden, konnte es nun richtig losgehen. Wir überlebten die zähe Busfahrt nach Madrid und den engen Flug nach Lissabon um dann endlich Portugal in seiner vollen Pracht zu erleben.

Beginnen sollte das Ganze mit drei Tagen Lissabon als eine Art seichte Einstimmung bevor wir uns raus ins weite Land aufmachten. Arm und integrativ wie wir sind, besorgten wir uns eine Unterkunft für die Nächte in Lisboa über couchsurfing bei Jorge um gleich richtig in die portugiesische Kultur einzutauchen.


In kurzem email-Kontakt vorher schrieb er mir seine Adresse, und eine Metrostation die „gleich neben seinem Haus ist“ (Zitat Jorge). Als wir dann in „Telheiras“ die Metro ohne  passenden Stadtplan verließen, musste die Straße ja quasi gleich um die Ecke sein. Der erste den wir fragten, kannte die Straße nicht. Die zweiten, ein paar Jugendliche, auch nicht wirklich. Hilfsbereit wie sie waren haben sie rumtelefoniert bis sie wussten wo wir hinmüssten. Und es stellte sich heraus, dass wir da noch ca. 15 Fußminuten mit Gepäck und Mittagssonne vor uns hatten. Also entschieden sie kurzerhand uns in ihr kleines Gefährt zu stecken und uns bis zu Jorge zu fahren. Wir waren begeistert. Das erste Mal dachten wir, die Leute hier haben etwas Australisches. Nach einer Stunde Kennenlernen fuhr Jorge wieder in die Stadt, mit dem Auto, und hat uns auch gleich im Zentrum abgesetzt. Was uns später allerdings zum Verhängnis werden sollte. Wir fuhren zwar mit dem Auto den Weg zur Metro ab doch ständig sagte er „eigentlich hier nur gerade aus und dann so und so“ (machte dabei zwei wedelnde Handbewegungen). Jedes Mal nachdem er das sagte sind wir wieder auf eine andere Straße abgebogen. Na ja, wird schon klappen, dachten wir uns. Wir hatten uns ausgemacht bis um 11 wieder bei ihm zu sein. Nach einer kleinen Erkundungstour der Stadt erreichten wir gegen 22 Uhr wieder die Metrostation Telheiras. Diesmal mit Stadtplan. Aber im Dunkeln. Und immer noch keinen Schimmer wo es langgehen soll. Irgendwie konnten wir unser Zielobjekt nicht auf dem Plan ausmachen. Also raus aus der Metro und ein Ehepaar mittleren Alters (etwa 45 Jahre ;-) angesprochen ob sie wüssten wo „unsere“ Straße sei. Antwort war wie zu erwarten negativ. Wir rätselten ein bisschen gemeinsam, drehten den Stadtplan mehrmals um seine horizontale und vertikale Achse, konsultierten vorbeifahrende Taxifahrer und rätselten weiter. Schließlich meinte sie, das einfachste wäre mit ihnen zusammen zur nächsten Polizeistation zu laufen und dort nachzufragen. Nun, verzweifelt wie wir waren konnten wir dieses Hilfsangebot auch nicht wirklich ausschlagen und machten uns auf den Weg. Nach weiteren 5 Minuten rätseln war nun endlich klar, wo wir hin müssten. Und wieder war das Mitleid unserer Helfer groß und ihre Freundlichkeit unbeschreiblich, so dass sie uns in ihr Auto setzten und ein weiteres Mal nach hause fuhren. Begeistert von der Freundlichkeit der Portugiesen und geschockt von unserer Unfähigkeit begrüßte uns Jorge relativ pünktlich um 23 Uhr im Schlafanzug, und malte uns als erste Amtshandlung gleich seine Straße in unseren Plan ein, da diese da nämlich gar nicht drin war.

 

Die nächsten 2 Tage schlenderten wir durch die Gassen von Portugals romantischer Hauptstadt und ließen uns die Sonne kräftig in den Nacken scheinen. Ohne weiteres hätten wir aller fünf Minuten beim lokalen Haschisch oder Heroindealer zuschlagen können, der sich auch nicht zu fein war diese Schlagwörter über zehn Meter durch die Altstadt zu rufen um unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da sind wir dann doch lieber schnell in die sagenumwobene Tram 28 gestiegen und haben uns auf die urigste Achterbahnfahrt auf der iberischen Halbinsel eingelassen. Man muss dazu sagen, dass Lissabon ein sehr hügeliges Pflaster ist. Zusätzlich ist die besagte Straßenbahn ein wahres Relikt alter Zeiten, was mit großer Freude vom Fahrer dann sehr hastig durch die engen Gassen, vielen Kurven sowie Steigungen und Senkungen getrieben wird. Und das alles für nur 75 Cent. Wie schön.

 

 

Was sich als ein wenig teurer gestalten kann als diese  kleine Attraktion ist sich ein Fußballspiel von Jogis Elf gegen unsere polnischen Nachbarn anzugucken. Zumindest wenn man im falschen Viertel ist. Und das waren wir wohl. Mit leerem Portmonee streiften wird an den ältesten Häusern Lissabons vorbei und hielten Ausschau nach ´ner Bar mit Bildschirm. Nach ewigem Laufen und dem Verpassen der ersten 20 Minuten ließen wir uns dann letztendlich auf der Terrasse eines kleinen Restaurants nieder und waren bereit ein paar Euro in Nahrung zu investieren um Poldis Schusskraft zu bewundern. Vorsichtshalber fragte ich noch ob wir mit Visa zahlen könnten. Nein, natürlich nicht. Aber 20 Meter den Berg runter oder hoch seien Bankautomaten. Also kein Problem, her mit dem Futter. Wir bestellten also fein die Getränke und begutachteten gerade die geballte Offensivkraft unserer Jahrhundertmannschaft. Doch dann wurde kurzerhand der Fernseher ausgeschaltet und gegen banale portugiesische Volkskunst names Fado eingetauscht. Hallo? Was soll das denn? Singen könnt ihr jeden Tag, jetzt ist EM, jetzt ist Deutschland, wir sind deutsche Touristen, wir WOLLEN DAS JETZT SEHEN! Ganz so deutlich konnte ich das in Portugiesisch nicht ausdrücken als ich ein wenig verdutzt die Kellnerin auf den schwarzen Bildschirm hinwies. Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern und sagte nur „Fado“ (und dachte wahrscheinlich: „typisch deutsch, nur Fußball und ein kein Stück Kultur im Leib!“). Es half nichts, wir mussten dort weg. Schnell austrinken, dann bezahlen. Doch wir hatten kein Geld. Also lief ich mir 20 Minuten meine Flip-Flops auf Kopfsteinpflaster heiß um schließlich den Geldautomaten zu finden der lediglich „20 Meter von hier entfernt ist“. Na vielen Dank, die erste Halbzeit war vorbei. Letztendlich erreichten wir ein anderes Restaurant mit Public Fjuing. Die letzten 25 Minuten dieses bisher besten Spiels der Deutschen bescherten uns dann noch 2 Suppen, einen Korb Brot, 2 Getränke und eine Rechnung von 19€. Addiert mit den 5€ aus der Kulturkneipe war es dann doch mehr als wir planten für den Spaß auszugeben. Vor zwanzig Jahren hätte man dafür wahrscheinlich Finaltickets bekommen.

 

Nach zweieinhalb Tagen entspanntem Stadturlaub waren wir bereit noch einen Gang weiter zurückzuschalten und einzutauchen in das Abenteuer portugiesischer Weite. Um dem australischen Abenteuer so nahe wie möglich zu kommen haben wir natürlich wieder unseren Wohnraum auf das Innenleben eines Autos zusammengeschrumpft und gleichzeitig auf die Weite der Natur ausgedehnt. Allerdings war unser Gefährt nicht mit den Kalibern von Australien zu vergleichen.

 

Aus dem Auto oder diesem
 wurde jetzt der hier: ein kleiner Ford Fiesta



Aber was soll’s, Portugal ist ja auch ein ganzes Stück kleiner als der rote Kontinent. Nachdem wir ein wenig zu kämpfen hatten die richtigen Straßen zu finden um aus Lissabon möglichst entspannt raus zu kommen, legten wir unser erstes Reiseziel fest und besorgten uns erstmal eine richtige Straßenkarte. Unser Atlas war scheiße, nur die Hälfte der Straßen war benannt. In unserer neuen Karte waren nun fast alle Straßen benannt, was uns allerdings oft nichts nützte, da die Straßen im Real Life an den Schildern recht oft nicht bezeichnet waren. So oder so, wir waren unterwegs. Das war das wichtigste. Denn alle unsere Ziele waren mehr oder weniger verwerflich oder austauschbar. Wir wollten einfach dort halten wo es schön ist. Und das machten wir dann auch. Wir erlebten ein total wildes Hinderland mit alten zerfallenen Dörfern, einsame Strände, kleine niedliche Küstenörtchen. Wir schlenderten über skurile Wochenmärkte und duschten stets in kalten, öffentlichen Duschen. Wir tuckerten mit 70 km/h durch die kurvige Landschaft und blieben einfach auf dem Highway stehen wenn wir ein Foto machen wollten. So selten kamen andere Autos vorbei. Und je mehr Kilometer wir da so durch diesen echten Traum segelten, entfernten wir uns vom alten Europa und fühlten uns versetzt in eine Welt Down Under. Als dann neben uns die Erde immer röter wurde, waren wir uns eigentlich sicher nicht mehr hier zu sein. Wenn wir nicht gerade durch die Gegend fuhren, befanden wir uns am Strand, ich versuchte ein wenig zu surfen, wir lasen uns die Seele vom Leib und kochten uns Nudelgerichte jeglicher Art. Geschlafen haben wir natürlich an den schönsten Orten die Portugals Westküste zu bieten hatte in unserem kleinen Wohnmobil: Steilküste, Blick aufs Meer und den immer wiederkehrenden Sonnenuntergang.

 

 

 

 Manchmal nachts, wenn wir dann auf den zurückgeklappten Vordersitzen unseres kleinen Wohnmobils zur Ruhe gekommen waren, konnten wir sie dann auch hören, die Reiter aus dem fernen Land, wie sie nun voller Zufriedenheit zu Frau, Kindern und Rindern auf die Farm zurückkehrten um von ihrem abenteuerlichen Ausritt zu erzählen. Zeit und Raum spielten keine Rolle mehr. Ob wir dann wach waren oder schon träumten weiß ich nicht genau. Zu oft konnten wir diese zwei Welten in den letzten Tagen nicht auseinander halten.


P.S.: in den nächsten Tagen gibts dann noch weitere Fotos um einen umfassenderen visuellen Einblick zu bekommen.

von Hannes
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